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- Kategorie: Winter 19 / 20: Chile
Santiago de Chile - ein Tag in der Stadt sowie eine ungute Erinnerung
Heute sah es am Morgen besser aus, es wurden während des Tages keine Ausschreitungen erwartet und so fuhren wir mit der U-Bahn in die Stadt. Direkt vor unserem Hotel liegt eine Station der Linie 1, welche heute als einzige in Betrieb war. Sie brachte uns in 20 Minuten zur Moneda, dem Präsidentenpalast Chiles.

Der Platz vor der Moneda war aber wegen der heftigen Ausschreitungen der letzten Tage weiträumig mit Gittern abgesperrt und wir mussten um den ganzen Palast herum gehen, um einen besseren Blick auf das Gebäude werfen zun können.

Von der einen Seite gab es schliesslich eine ungestörte Sicht auf den Haupteingang. Wegen der aktuellen Unruhen im Land sind auch hier nur wenige Personen zu sehen. Der Präsident verschanzt sich offenbar darin und spricht im Fernsehen von einem Krieg, in welchem sich das Land befindet. Diese dumme Aussage verärgert viele Chilenen noch mehr und treibt nun auch viele Mütter mit Kindern und ganze Familien auf die Strassen.

Der wohl berühmteste Bewohner dieses Gebäudes war Salvador Allende, der gewählte Präsident Chiles. Am 11. September 1973 wurde er durch einen Militärputsch gestürzt und beging anschliessend Selbstmord. Der Putschist Augusto Pinochet errichtete darauf eine brutale Militärdiktatur, die bis zum 11. März 1990 dauerte und welcher mit der Unterstützung der USA / CIA einige Tausend bis einige Zehntausend Menschen zum Opfer fielen. Die Quellen dazu widersprechen sich.

Bei meinem letzten Besuch in Santiago im Herbst 2014 war die Hauptkathedrale von Santiago, die Catedral Metropolitana, aussen voll eingerüstet. Heute erstrahlte sie im neuen Glanz ohne Gerüst. Der Bau begann im Jahr 1753, 1799 wurde die Kathedrale schliesslich eingeweiht.

Das Innere der grossen Kirche ist noch beeindruckender als das Äussere. Jeder noch so kleine Fleck ist mit Stuckatur oder einem Gemälde verziert.

In der Nähe eines grossen und wichtigen Gotteshauses muss selbstverständlich auch die Gelateria heilig sein. Heute blieb sie allerdings geschlossen, wohl wegen der Angst vor den Unruhen im Zentrum. Die heruntergelassen Rollläden verhindern allfällige Schäden im Innern.

In der Fussgängerzone der Innenstadt war heute einiges los. Viele Fussgänger, sowohl Touristen, als auch Einheimische waren unterwegs. Die ambulanten Verkäufer waren mit ihren Angeboten ebenso präsent. Von Unterwäsche über Baseball-Capes und Batterien sowie anderer Elektronik bis hin zu Besen und andern Haushaltsgegenständen wird alles Erdenkliche angeboten.

Unsere nächste Station auf unserem schnellen und verkürzten Stadtspaziergang war der Mercado Central, der ehemalige zentrale Markt. Heute beherbergt er vor allem Meeresfrüchte-Restaurants und die üblichen Souvenir-Geschäfte.

Die filigrane Dachkonstruktion kommt in der leeren Halle gut zur Geltung. Für uns war es noch zu früh, um bereits zu essen, auch wenn das Angebot der Restaurants sehr gut aussah und die Kellner und Kellnerinnen teilweise recht aufdringlich waren.

An vielen Stellen in der Innenstadt waren heute noch Spuren der Unruhen zu sehen. Eine harmlosere ist dieses Plakat an einem WC im einem Park: "Gestern wie Heute: Die Diktatur geht weiter"! Der aktuelle Präsident ist verhasst, und so gingen auch am heutigen Nachmittag die Unruhen weiter.

Ein Opfer der Unruhen ist dieses ausgebrannte Auto, welches wohl von Demonstranten angezündet wurde und hier abtransportiert wird. Bei den meisten Demos die wir sahen, war keine Gewalt dabei. Wie bei allen solchen Situationen gibt es aber auch immer Chaoten, welche in den Demonstrationszügen mitlaufen und überall Chaos säen.

Dieses Bild wärmt eine sehr unangenehme Erinnerung an meinen ersten Besuch in Santiago (Klick mich!) auf. Auf dieser Bank kam ich am ersten Morgen nach der langen Flugreise mit einem älteren Herrn ins Gespräch über Santiago und meine Reisen. Von hinten schlich sich sein Komplize an und versuchte, mir meine Kamera zu entreissen. Diese hatte ich glücklicherweise mit einem Tragband so getragen, dass der Versuch erfolglos blieb. Beide verzogen sich sofort nach dem erfolglosen Versuch. Es blieb das einzige solche Ereignis auf der ganzen, langen Reise.

Öfter sahen wir heute diese Flaggen, welche hier von zwei Jungs getragen wird. Das Logo ist das Symbol der Mapuche-Indianer, der Ureinwohner dieser Gegend. Offenbar wird diese von vielen Demonstranten mitgetragen und von der Polizei immer wieder beschlagnahmt.

Auf dem Weg zu einem leider heute nicht zugänglichen Hügel, von wo aus es eine wunderbare Sicht über die Stadt gibt, streiften wir ein wenig durch das Quartier Bellavista, wo viele Künstler und Bohemiens leben. Viele Häuser sind mit Mauerbildern verziert, von welchen ich einige fotografierte. Abends ist hier, zumindest in ruhigen Zeiten, sehr viel los. Viele Bars und auch Restaurants sind bis weit in die Nacht hinein ein Magnet für Einheimische und Touristen gleichermassen. In diesen Tagen bleibt es hier sicher auch ruhig ind die Lokale sind zu.




Auf dem Rückweg mit der U-Bahn konnten wir leider nixht bei unserem Hotel aussteigen, da die Station geschlossen war. Es waren wieder Demonstrationen im Gang. 1.2 km Fussweg brachten uns schliesslich zurück zur Unterkunft.

Kaum waren wir im Hotel, begann die Polizei mit Wasserwerfern und Tränengas die Leute zu vertreiben. Diese kamen jedoch immer wieder zurück und liessen sich nicht abschrecken. Die Demonstranten sind hier friedlich, sie lassen auch die wenigen Autos passieren und nutzen Töpfe und Trillerpfeifen, um ihren Unmut auszudrücken. Bald zog die Polizei ab und die Kreuzung wurde wieder blockiert.
Am Abend gilt leider ab 20 Uhr wieder eine Ausgangssperre (Toque de queda), so dass wir einmal mehr im Hotel essen müssen. Ein langweiliges Buffet mit wenig Salaten sowie verkochte Teigwaren in Warmhalte-Gefässen. Nothing to write home about!
